Familiendaten der
 Paul Wolfgang Merkelschen Familienstiftung Nürnberg

Magnus Friedrich Herbert Zeller

Magnus Friedrich Herbert Zeller

männlich 1888 - 1972  (83 Jahre)

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  • Name Magnus Friedrich Herbert Zeller 
    Geboren 09 Aug 1888  Biesenrode,,,,,,,, Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort 
    Geschlecht männlich 
    Beruf Kunstmaler 
    Gestorben 25 Feb 1972  Berlin-Ost,,Brandenburg,,,,,,,;,; Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort 
    Personen-Kennung I2870  Paul Wolfgang Merkel
    Zuletzt bearbeitet am 19 Dez 1998 

    Vater Samuel Friedrich Zeller,   geb. 18 Jul 1860, Nazareth,,,Palästina,,,,, Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort,   gest. 25 Apr 1909, Zehlendorf,Berlin,,,,,,, Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort  (Alter 48 Jahre) 
    Mutter Emma Helene Breuning,   geb. 03 Mrz 1866, Stuttgart,,,,,,,, Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort,   gest. 11 Okt 1958, Nicolassee,Berlin,,,,,,, Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort  (Alter 92 Jahre) 
    Verheiratet 26 Sep 1887  Stuttgart,,,,,,,, Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort 
    Familien-Kennung F957  Familienblatt  |  Familientafel

    Familie 1 Lebend 
    Kinder 
     1. Lebend
     2. Lebend
    Zuletzt bearbeitet am 19 Dez 1998 
    Familien-Kennung F964  Familienblatt  |  Familientafel

    Familie 2 Marie Zimmermann,   geb. 25 Jun 1890, Blomberg,Lippe,,,,,,, Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort,   gest. 18 Jul 1926, Paris,,,Frankreich,,,,, Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort  (Alter 36 Jahre) 
    Verheiratet 23 Nov 1915 
    Kinder 
     1. Lebend
    Zuletzt bearbeitet am 19 Dez 1998 
    Familien-Kennung F965  Familienblatt  |  Familientafel

  • Fotos
    Zeller Manus Flucht
    Zeller Manus Flucht
    Magnus Zeller: Ruhe auf der Flucht, 1921, Bleistift 23x17 cm; aus Nachrichten des Martinszeller Verbandes Nr. 31, Dezember 2002
    Zeller Magnus Geschwister
    Zeller Magnus Geschwister
    Magnus, Cornelia, Wilfried, Wolfgang Zeller (um 1900); aus Nachrichten des Martinszeller Verbandes Nr. 31, Dezember 2002
    Zeller Magnus Gewitter
    Zeller Magnus Gewitter
    Magnus Zeller: Reiter im Gewitter, 1926, Litho 47x61 (Reaktion auf den Tod seiner jungen Frau Naria); aus Nachrichten des Martinszeller Verbandes Nr. 31, Dezember 2002
    Zeller Magnus Liebespaar
    Zeller Magnus Liebespaar
    Magnus Zeller: Liebespaar, 1919, Öl, 100x90 cm; aus Nachrichten des Martinszeller Verbandes Nr. 31, Dezember 2002
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    Personenbild
    Personenbild
    Magnus Zeller mit 80 Jahren; aus Nachrichten des Martinszeller Verbandes Nr. 31, Dezember 2002
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    Zeller Magnus Selbstbildnis
    Zeller Magnus Selbstbildnis
    Magnus Zeller: Selbstbildnis von 1916; aus Nachrichten des Martinszeller Verbandes Nr. 31, Dezember 2002
    Zeller Magnus Selbstportrait
    Zeller Magnus Selbstportrait
    Magnus Zeller: Selbstporträr 1970 (unvollendet); aus Nachrichten des Martinszeller Verbandes Nr. 31, Dezember 2002
    Zeller Magnus Zukunftslandschaft
    Zeller Magnus Zukunftslandschaft
    Magnus Zeller: Zukunftslandschaft (1938); aus Nachrichten des Martinszeller Verbandes Nr. 31, Dezember 2002

  • Notizen 
    • ZB .83
      Kunstmaler in Berlin; Professor in Dorpat 1923, Berlin; später wohnhaft in Caputh bei Potsdam. St 61; Z1 #81; Lebensbeschreibung JB S.97-102.
      Auszug aus NACHRICHTEN DES MARTINZELLER VERBANDES Nr.31, Dezember 2002:
      1. Helga Helm-Zeller, Zurzeit in Berlin: Große Magnus-Zeller-Ausstellung
      2. Renate Bergerhoff, Magnus Zeller (1888-1972)
      3. Prof. Dr. Dominik Bartmann, Vortrag bei der Magnus-Zeller-Vernissage am 28.11.2002 in der Nikolaikirche in Berlin


      Zurzeit in Berlin: Große Magnus-Zeller-Ausstellung von Helga Helm-Zeller (61.12)

      Zum Gedenken an das 30. Todesjahr meines Vaters Magnus Zeller (61.1), der von 1888 bis 1972 lebte, findet vom 29. November 2002 bis 9. Februar 2003 im Ephraim-Palais, das zum Stadtmuseum Berlin gehört, eine umfangreiche Ausstellung statt. Dort gibt es auch einen neuen, sehr niveauvollen und mit hervorragenden Abbildungen ausgestatteten Katalog, (280 S., ca. 19,90 Euro), der in kleiner Auflage auch als Buch erscheinen soll.

      Dieser Katalog enthält nicht nur Beiträge von Kunsthistorikern zu verschiedenen Themen (zum Beispiel: "Zellers Mäzen", "Zeller als Lehrer", "Zellers Freundschaft mit Arnold Zweig", "Zeller im Nationalsozialismus", "Zellers Illustrationen für Bücher"), sondern auch elf autobiografische Erzählungen des Künstlers, die seine Kindheit und Jugend vor dem Ersten Weltkrieg sowie seine Studienjahre im Atelier von Lovis Corinth humorvoll, lebendig und bildhaft schildern.
      Durch einen intensiven Briefwechsel aus der Zeit zwischen 1920 und 1957 mit seinem langjährigen Freund und Mäzen Karl Vollpracht (Detmold), der sich im Laufe der Zeit eine umfangreiche Sammlung von Zellerbildern zugelegt hatte, sind viele Kom­mentare des Künstlers zu seinen Bildern, zur jeweiligen politischen Lage und zu philosophischen und künstlerischen Themen erhalten geblieben und konnten im Katalog zitiert werden, was ihn besonders authentisch macht.

      In der vorangestellten Biografie finden sich neben Familien- und anderen Privatfotos auch Abbildungen von Gemälden, die aus Platzgründen in dieser Ausstellung leider nicht gezeigt werden können. Auch eine Aquatinta des begabten Zellerschülers Manfred Butzmann findet sich dort, die eine typische Situation im Caputher Atelier zeigt, wo mein Vater bis kurz vor seinem Tod noch gemalt hat. So entstand auch sein letztes unvollendet gebliebenes Selbstbildnis im Herbst 1970.
      Auf dem diesjährigen Zellertag in Esslingen, an dem ich leider nicht teilnehmen konnte, wurde ein kurzer Magnus Zeller-Film gezeigt, der 1992 im Auftrage des ORB (Ostdeutscher Rundfunk Brandenburg) entstand und sicher bei einigen Familienmitgliedern den Wunsch geweckt hat, mehr über diesen interessanten Maler zu erfahren, der bislang der breiten Öffentlichkeit nahezu völlig unbekannt geblieben ist, obwohl er seit den zwanziger Jahren von Kunsthistorikern hoch geschätzt wird, was die zahlreichen Bilder beweisen, die von den verschiedensten Museen für unsere Ausstellung zur Verfügung gestellt worden sind. Eine Kopie des Videofilms habe ich für das Zellerarchiv in Leonberg gestiftet.

      Nachdem 1988 bereits eine große Ausstellung, anlässlich des 100. Geburtstages meines Vaters in der Staatlichen Galerie Moritzbug in Halle/ S. stattfand'(' Vergl.. meinen Beitrag hierzu in der Zeller-Festschrift 1988, S.97 - 102, und meinen Bericht: "Die Ausstellung zum 100. Geburtstag des Malers Magnus Zeller. Echo der Medien aus Ost und West" im Heft 15 der Nachrichten des MZV 1989, S.10-13.), wo leider nur Bilder gezeigt werden konnten, die sich zu jener Zeit auf dem Territorium der DDR befanden, werden jetzt erstmalig auch viele frühe, expressionistische Bilder, die sich schon immer in Westdeutschland, zumeist in Privatbesitz befinden, zu sehen sein. Sie waren nach dem Zweiten Weltkrieg schon mehrfach im Raum Lippe (Westfalen) ausgestellt worden.

      Durch den kalten Krieg und die 45 Jahre bestehende innerdeutsche Grenze wurde nicht nur Zellers künstlerisches Werk zerrissen, sondern auch seine Familie: Während er mit mir, der jüngeren Tochter, in unserem Caputher Haus in der DDR blieb, lebten seine ältere Tochter Susanne, seine Mutter und seine Geschwister in Westberlin und der Bundesrepublik. Seine zweite Frau, meine Mutter, verließ uns 1948 und ging mit meinem damals 9jährigen Bruder Conrad in ihre Heimatstadt Hamburg zurück. Das war ein besonderer Schmerz für meinen sensiblen Vater, der im Laufe seines Lebens in großer Zurückgezogenheit ein umfangreiches Werk geschaffen hat: rund 400 Gemälde, 700 Aquarelle, 400 Zeichnungen und 150 druckgrafische Arbeiten (Kaltnadelradierungen und Lithografien).

      Erstmalig können jetzt in Berlin auch seine religiösen Bilder gezeigt werden. In der DDR war gar nicht bekannt, dass Magnus Zeller in seinen früheren Jahren so viele religiöse Bilder gemalt hat. (Diese Themen waren ihm vertraut, da seine Vorfahren seit Generationen als protestantische Pfarrer tätig gewesen waren und er selbstverständlich auch für diese berufliche Laufbahn vorgesehen war.) Ein großes Kreuzigungsbild befindet sich seit 1929 in der Kirche von Neustadt am Rübenberge und ein weiteres in der Friedhofskapelle von Blomberg (Lippe). Ein drittes von 1921 befand sich im Limburger Dom und wird in unserer Ausstellung gezeigt. Ganz frühe Bilder von 1912 zeigen eine "Dornenkrönung", einen "Heiligen Franziskus, der den Vögeln predigt" und eine weitere "Kreuzigung". (Das zuletzt genannte Bild habe ich dem Berliner Stadtmuseum anlässlich der Zeller-Ausstellung geschenkt.) "Der reiche Mann und der arme Lazarus" entstand 1913. All diese Bilder konnten in Halle nicht gezeigt werden, weil sie wegen der Grenze unzugänglich waren und weil sie auch politisch "nicht erwünscht" gewesen wären, ja, in der DDR sogar Anstoß erregt hätten.

      In die Vorbereitungen für die Ausstellung, die bereits im Sommer 2001 begannen, wurde ich trotz meines Alters einbezogen, was sehr anstrengend war, aber auch eine beglückende Erfahrung. Beispielsweise besuchte Herr Prof. Dr. Bartmann, der Zuständige vom Stadtmuseum Berlin, mit mir die privaten Eigentümer von frühen, expressionistischen Zellerbildern in Westdeutschland. Alle Leihgeber waren sehr liebenswürdig und entgegenkommend. Mit großer Bereitwilligkeit haben sie uns ihre Schätze zur Verfügung gestellt. Natürlich bedeutet die Teilnahme an einer seriösen Ausstellung auch immer eine Wertsteigerung für das betreffende Bild.

      Ich freue mich sehr über die gelungene Exposition und hoffe, dass alle meine Freunde und vor allem die Zellerfamilie die Gelegenheit nutzen, die besten Bilder aus dem Gesamtschaffen von Magnus Zeller in dieser einmaligen Ausstellung auf zwei Stockwerken des repräsentativen Barockpalais zu besichtigen.


      Magnus Zeller (1888-1972) von Renate Bergerhoff (2Die Kunsthistorikerin Renate Bergerhoff war Bereichsleiterin für "Bildende Kunst" am Potsdamer Museum und arbeitet als Dozentin an der Volkshochschule Potsdam. Der Beitrag über Zeller erschien aus Anlass seines 25. Todestages am 25. Februar 1997 in den Potsdamer Neuesten Nachrichten (PNN).)
      Als Magnus Zeller 1937 in sein Haus nach Caputh am Schwielowsee zieht, liegt bereits ein bewegtes Leben mit Höhen und Tiefen hinter dem fast Fünfzigjährigen. Wieder hält er es für ratsam, Berlin zu verlassen - diesmal, um sich den Repressalien der Gestapo zu entziehen. In dem freundlichen, nach seinen Plänen gebauten Haus wird er bis zu seinem Tod am 25. Februar 1972 leben und arbeiten.
      Als Sohn eines württembergischen Pfarrers 1988 im Mansfelder Land geboren, lebt er mit den Eltern, nach fünf Magdeburger Jahren, seit 1906 in Berlin. Dem Wunsch der Familie, die theologische Tradition fortzuführen, fügt er sich nicht, sondern geht nach Schulabschluss für drei Jahre zu Lovis Corinth in die "Studien-Ateliers für Malerei und Plastik" in der Charlottenburger Kantstraße. Durch den frühen Tod des Vaters an Entbehrungen materieller Art gewöhnt, überwindet er auch als Student - besessen von seinem Ziel Maler zu werden - alle Widrigkeiten des täglichen Lebens. 1912 beteiligt er sich zum erstenmal an der Ausstellung der Berliner Secession, stellt später in der Freien Secession aus. Er reist nach Paris (1913) und Italien (1914), bevor sein Leben durch die Einberufung zum Militär (1915) eine einschneidende Veränderung erfährt. Sein Intellekt, gepaart mit hoher Sensibilität, lässt ihn bald das Wesen des Krieges erkennen. In der Presseabteilung des Oberbefehlshabers Ost in Kowno (Kaunas), später in Wilna (Vilnius) trifft er auf Intellektuelle und Künstler wie Richard Dehmel, Arnold Zweig, mit dem er freundschaftlich verbunden ist, Karl Schmidt-Rottluff, Franz Radziwill u.a.
      "Einig waren wir uns in der Verabscheuung des Preußentums mit Militär und Preußenkult. 1917 noch in Kowno lithographierte ich ein satirisches Blatt " (mit Kaiser Wilhelm II., Prinz August Wilhelm, General Ludendorf. Die Autorin.)

      In der Nacht wird die große Druckpresse von Ober Ost in Gang gesetzt. Ihr Dröhnen ruft den Wachhabenden auf den Plan. Der Stein kann noch versteckt werden, der Druck des Lithos als Flugblatt wird vereitelt. "Der Krieg wäre nicht beendet worden, aber wir hätten ein paar Jahre Festung bekommen" (M. Zeller in einem Brief vom 17.10.1965 an den Sohn eines Mitstreiters). In Wilna druckt er heimlich seinen ersten Grafik-Zyklus auf der Presse von Ober Ost - "Entrückung und Aufruhr" - 12 Lithos, zu denen Arnold Zweig 12 Gedichte schreibt (1917/18), als Mappe 1920 in Deutschland erschienen.
      Versetzt nach Dorpat (Tartu) und im gleichen Jahr nach Berlin zur Obersten Heeresleitung, wird er von Bernhard Kellermann und Paul Zech in den Arbeiter- und Soldatenrat aufgenommen und wird Mitglied der u.a. von Max Pechstein gegründeten Novembergruppe. Er erlebt die Novemberrevolution nicht nur als eine Zeit des Aufbruchs, sondern wird "zu einem ihrer bedeutendsten künstlerischen Chronisten." (Diether Schmidt) Das Thema Revolution beschäftigt ihn bis in die späten 20er Jahre, anfangs mit übersteigerter Gestik und suggestiver Wirkung wie bei dem Bild "Volksredner" von 1919 (Los Angeles County Museum of Art), später werden Kampf und Niederlage, Schmerz und Tod stärker verinnerlicht, begleitet auch von Enttäuschung.
      Zeller verlässt Berlin, um der Beobachtung und möglicher Verfolgung zu entgehen. In Blomberg, der Heimat seiner ersten Frau, die 1926 an Typhus stirbt, findet er 1919 ein Atelier in der mittelalterlichen Burg. Am gleichen Ort wird 1991 eine Ausstellung mit seinen Werken aus Museen und Privatbesitz der alten Bundesländer veranstaltet. Das Atelier in der Burg konnte er ausbauen und beziehen durch Vermittlung des lippischen Landeskonservators Dr. Karl Vollpracht, der bis zu seinem Tod 1957 sein Mäzen blieb und über die umfangreichste Zeller-Privatsammlung verfügt. Magnus Zeller hat sich nie etwa mit seiner jeweiligen Jahresproduktion an einen Galeristen gebunden.
      Ein Lehrauftrag für Grafik ruft ihn in den Jahren 1923 und 1924 an die estnische Staatliche Kunstschule in Dorpat. Durch seine Aufenthalte in Blomberg und Dorpat wurde die Bindung an die Berliner Kunstszene lockerer, Zeller hält sich nur in den Wintermonaten hier auf. Magnus Zeller hatte Visionen; seine Vorstellungen und Voraussichten entstammten einem ausgeprägten Gespür für die Zeit in der er lebte und die er mit seinen Mitteln der Darstellung verändern wollte. Er fand den Mut, offenkundig, oft auch durch das Einbeziehen von Symbolen und Parabeln zu warnen und zu mahnen. Bis etwa 1925 ist seine Formensprache expressiv, mit phantastischen Elementen ausgestattet, grotesk oder bis zur Ekstase übersteigert.
      Das Großstadtleben der 20er Jahre mit Alkohol- und Rauschgiftkonsum, Okkultismus, sexueller Ausschweifung lieferte ihm brisante Themen, die er kritisch, jedoch nicht mit der Schärfe und Schonungslosigkeit eines Dix oder Grosz behandelt.
      Eine Versachlichung hält nur für einige Jahre an; in den 30er Jahren entsteht manches eher beschauliche Bild. Stille und Schönheit in Porträts und Landschaften täuschen - insgeheim drängt es Zeller, seine Auseinandersetzung mit dem Hitlerfaschismus zu formulieren: "Der totale Staat (Hitlerstaat)", 1938, und "Staatsbegräbnis", 1944/45 - beide Bilder im Märkischen Museum Berlin - sind die wichtigsten Beispiele. Das Kriegsende bedeutet ihm die innere Befreiung vom Alptraum Faschismus. Erstmals kommen seine im Atelier verborgenen Bilder ans Licht, können in Ausstellungen gezeigt werden. Er engagiert sich beim kulturellen Wiederaufbau des Landes, gründet mit Otto Nagel und Bernhard Kellermann bereits 1945 den Kulturbund in Potsdam und beteiligt sich an den ersten zentralen und regionalen Kunstausstellungen. Zellers Bedeutung für die deutsche Kunst des 20. Jahrhunderts ist unbestritten. In zahlreichen Ausstellungen und Publikationen erfuhr sein Werk die entsprechende Würdigung. Ein Werkverzeichnis ist das Ergebnis zwanzigjähriger kunsthistorischer Forschung. (Doktorarbeit des Kunsthistorikers Horst-Jörg Ludwig "Magnus Zeller (1888 - 1972). Intention und Werkstruktur" Dissertation A zur Erlangung des akad. Grades r. phil. Universität Leipzig, Fakultät für Kultur-, Sprach- und Erziehungswissen­schaft, 1992). 1993 erschien die jüngste Publikation: Magnus Zeller. Aufbruch und frühe Feste. ( Einmalige Ausgabe von 100 signierten und nummerierten Exemplaren der Mariannenpresse Berlin. Erzählungen und Radierungen des Künstlers (vergriffen)).
      Seine Bilder, Aquarelle, Handzeichnungen und Druckgrafiken befinden sich in Museen der USA, der alten Bundesländer und besonders in den Museen von Halle/ S., Leipzig, Berlin, Potsdam und Frankfurt/ Oder, sowie in Privatsammlungen der alten und neuen Bundesländer. Die Staatliche Galerie Moritzburg Halle kann für sich das Verdienst in Anspruch nehmen, 1988 zum 100. Geburtstag des Künstlers eine wissenschaftlich fundierte Ausstellung mit Katalog nach mehr als dreijähriger Vorbereitungszeit veranstaltet zu haben. Unsere Region hat trotz kleinerer Werkschauen (1955 und 1967) und der ersten größeren Exposition zum Zellerschen Werk überhaupt (1978 von der Galerie Sozialistische Kunst am Bezirksmuseum Potsdam gezeigt) zu wenig für Magnus Zeller getan, der hier 35 Jahre seines Lebens verbrachte.
      Die Tochter des Künstlers, Frau Helga Helm, betreut Werk und Nachlass Zellers. Originelle autobiografische Erzählungen, 1926 - 30 auf Anregung von Arnold Zweig aufgeschrieben, Gedichte und Briefe harren der Veröffentlichung. Die Herausgabe einer Biographie mit unveröffentlichter Grafik ist als Projekt angedacht - lobenswerte Vorhaben, die neue Aspekte zu Leben und Werk Magnus Zellers in Aussicht stellen


      Vortrag bei der Magnus-Zeller-Vernissage am 28.11.2002 in der Nikolaikirche Berlin von Prof. Dr. Dominik Bartmann
      Liebe Familie Zeller/Helm, sehr geehrte Damen und Herren!
      Die Familientradition hätte Magnus Zeller eigentlich verpflichtet, Theologie zu studieren. 16 Ahnen, auch sein Vater, waren protestantische Pfarrer gewesen. Stattdessen tritt er 1908 in die Studien-Ateliers für Malerei und Plastik in Charlottenburg als Schüler von Lovis Corinth ein.
      In einem Akt der Befreiung schafft Zeller um 1912 eine Reihe von Bildern, die durch Verknüpfung traditioneller Sujets mit einer bewusst derben Malweise provozieren müssen. Sie dekuvrieren Ausschreitungen der bürgerlichen Gesellschaft und prangern soziale Missstände, teils in biblische Szenen gekleidet, an.
      In Vorahnung des Ersten Weltkriegs, im Februar 1914, malt Zeller eine Allegorie der Kräfte, die durch den Völkerkampf entfesselt werden: Tod, Elend und Umsturz. Dem tatsächlichen Kriegsausbruch steht Zeller nach eigenem Bekunden hilflos gegenüber. Er fühlt national, ohne lauthals in den allgemeinen Jubel einzustimmen. Im Frühjahr 1915 wird er einberufen. Im Jahr darauf erfolgt auf Betreiben des Grafikers Hermann Struck seine Versetzung zum Oberkommando Ost nach Kowno in Litauen. Dort bewegt er sich in einem Kreis aus Intellektuellen und Künstlern. In Gemälden dieser Zeit wird allgemeine Kritik an roher Gewalt geübt, unmittelbar reflektiert Zeller das Erlebte im Medium der Zeichnung und der Druckgrafik. In der Druckerei des Oberkommandos lässt er 1917 heimlich eine antimilitaristische Lithographie abziehen. Als Zeichner der Kownoer und der Wilnaer Zeitung sucht Zeller beim Leser Interesse für das pittoreske, bisweilen erbärmliche Leben der jüdischen Bevölkerung zu wecken. Die zunehmende politische Instabilität und der übermäßige Leidensdruck der Menschen gegen Ende des Krieges werden nicht in realistischen Schilderungen, sondern mit Hilfe von Metaphern bzw. der christlichen Ikonografie zum Ausdruck gebracht. Die Mappe Entrückung und Aufruhr, von Arnold Zweig mit Gedichten versehen, verleiht der revolutionären Stimmung Ausdruck. Die darin enthaltenen Lithographien schildern an der Front Gesehenes und Erlebtes, allgemeine Seelenzustände sowie Szenen von Terror und Anarchie, wobei Realität und Imagination stets ineinander greifen. Die Dramaturgie der Blattabfolge lässt die Revolution als Überwindung sozialer Ausweglosigkeit erscheinen.
      Im August 1918 wird Zeller zur Obersten Heeresleitung nach Berlin versetzt und in einen Soldatenrat gewählt. Zeller nimmt am 10. November an der Rätevollversammlung im Zirkus Busch teil, auf der Karl Liebknecht spricht. In dem Zyklus Revolutionszeit werden Aspekte des Übergangs, Dekadenz und Chaos, thematisiert. Im Verlauf der 20er Jahre behandelt Zeller weiter Phänomene wie Barrikaden und Razzien, mit zunehmendem zeitlichen Abstand zur Novemberrevolution jedoch in einem verallgemeinernden Sinne.
      Außerdem beschäftigt Zeller ein zu dieser Zeit häufig begegnendes Thema: die durch Hingebung, Eros, Perversion, Trunkenheit oder Rauschgift ausgelöste psychische und physische Transzendenz. Der Zerfall des Kaiserreichs hat zu einer Infragestellung konventioneller Sitten geführt; individuelles Glück und Steigerung egomanischen Erlebens gewinnen auch im Blickfeld des Künstlers an Interesse. Zeller malt die verschiedenen Stufen des Rausches, der die Menschen aus der Normalität zur Ekstase führt, um sie schließlich in dumpfer Passivität zurück zu lassen. Formal geht dies mit einer Stilisierung der Physiognomien und einer enormen Streckung der Extremitäten einher. Zeller zeigt sich fasziniert von den ungeahnten Tiefen menschlicher Existenz, zugleich distanziert er sich durch Überzeichnung von der Negation jeglicher Moral. Die Reizthemen der Großstadtmalerei der 20er Jahre greift Zeller nicht wegen ihres Sensationseffektes auf, sondern er nimmt sie als Erscheinungen des Metropolenalltags wahr. Ihn interessiert der gesellschaftliche Zustand nach dem Weltkrieg, in dem er geistige und materielle Armut hinter ausgelassener Fröhlichkeit und äußerlichem Glamour entdeckt. Zeller spürt den Menschen nach, wie sie dem Alltagsleben entfliehen. Auf Festen, im Zirkus, im Straßencafé, beim Rummel oder im Ballsaal finden sie eine Bühne vor, auf der als Stück die mal mehr, mal minder stark verzerrte eigene Existenz zur Aufführung gelangt. Der Clown ist das alter ego des Künstlers, wie ein Spaßmacher muss er sich dem Bourgeois andienen; hinter der närrischen Groteske aber verbirgt sich menschliche Tragik.
      Die Zeit scheint sich indessen weiter zu beschleunigen. Zeller sieht im dynamischen Pedaltreten, im hechelnden Rennen Metaphern des Großstadttempos. Berlin als Zeitungsstadt, dem Ineinandergreifen von geistiger und handwerklicher Aktion, dem Primat jüdischer Intelligenz setzt er in dem Gemälde Redaktionsschluss ein Denkmal, bei dem das Geschehen vom Vorrücken der Zeiger der Normaluhr diktiert wird.
      Zellers früheste Kindheitserinnerungen - der Maler ist zugleich glänzender Novellist - gelten dem Bösen, Gefährlichen, Versteckten, dem Gespenstischen. In seiner Zeit als Quartaner am Gymnasium von Wernigerode sind es Lehrer und Mitschüler, die den verschüchterten 11-Jährigen Spießruten laufen lassen; ein Erlebnis, das sich nach einem Vierteljahrhundert in dem Gemälde Schule entlädt. Im Ersten Weltkrieg erlebt Zeller das Grauen hautnah, gestalten kann er es nur indirekt. Aber das Trauma verfolgt ihn weiter, ob in Gestalt des Erlkönigs oder alptraumhaft im Angesicht des eigenen Todes. Ein Käuzchen löst Panik aus, Verfolgte fliehen, Angst greift um sich, Spuk ist allgegenwärtig. In dem Bild Reiter im Gewitter streckt der Blitz den Protagonisten nieder wie ein Schlag des Schicksals: Es ist im September 1926, in Reaktion auf den plötzlichen Tod der ersten Frau des Künstlers, gemalt. Okkultismus und Spiritismus schließlich werden als Medien zur Erlangung seherischen Fähigkeiten bzw. zum Vordringen in mystische Sphären vorgeführt.
      Zellers politische und religiöse Bilder bedingen einander. Nach dem Erlebnis des Ersten Weltkriegs wird ihm der geschundene Christus zur Identifikationsfigur. In monumentaler Bildsprache malt er 1921 eine Kreuzigung. Vom lippischen Denkmalpfleger Karl Vollpracht, seinem lebenslangen Mentor und Mäzen, wird Zeller zu einer Reihe von religiösen Bildern veranlasst. Während sich entsprechende Arbeiten der 20er Jahre stilistisch kaum vom übrigen Werk unterscheiden, nimmt Zeller nach 1930 dezidiert auf Matthias Grünewald und die Donauschule Bezug.
      1935 erhält Zeller den Rom-Preis der Berliner Akademie. Das Erlebnis des Südens führt zu einer leichten Aufhellung der Palette und zu einer weicheren Formbildung; Stadtansichten, Landschaften und Hafenszenen werden auf ungewohnt unbeschwerte Weise eingefangen. Stille Monumentalität, Erdverbundenheit und verhaltene Farbigkeit charakterisieren Zellers im Anschluss an seinen Italienaufenthalt entstandene Bilder des Landlebens - weniger Tribut an den Zeitgeist als Konsequenz seines Rückzugs aus dem zunehmend ideologisch bestimmten städtischen Kulturleben.
      Wie zahlreiche Intellektuelle nimmt Zeller 1933 das Ende der Weimarer Republik zunächst ohne Bedauern hin. Aber schon im Folgejahr setzt ein Umdenken ein. Den Ausschlag scheint eine Einmischung des nationalsozialistischen Chefideologen Alfred Rosenberg in Belange der Secession gegeben zu haben, in deren Vorstand Zeller ist. 1935 folgt der Vorwurf einer „der Gegenwart fremden, seelisch krankhaften Grundhaltung" im Völkischen Beobachter. Die ihm angetragene Mitgliedschaft in der NSDAP weist der Künstler zurück. Ab 1938 schafft er in der Abgeschiedenheit des Caputher Ateliers antifaschistische Bilder, die er nach 1945 noch zuspitzt. Im Sinne des Jüngsten Gerichts ist die Führung des „Dritten Reiches" dazu verdammt, in der von ihr selbst geschaffenen Hölle zu schmoren. Für Zeller, den Christen und Humanisten, bedeutet das Nazi-System Verführung und Versklavung, das lächerliche Pathos und den nihilistischen Kern diktatorischer Massenspektakel entlarvt er in dem Gemälde Der totale Staat. Gleichzeitig reflektiert der Künstler die eigene Ohnmacht: Er kann das Elend der Welt nur benennen, nicht bekämpfen; jegliche Hoffnung auf Rettung trägt transzendenten Charakter. In traumatischen Visionen und Metaphern verarbeitet er die Bedrohung der eigenen Existenz, das Ende Hitlers und die Not Deutschlands im Zweiten Weltkrieg, das den feindlichen Fliegerangriffen ebenso schutzlos ausgeliefert ist wie den Übergriffen im Innern.
      Auch nach 1945 bewahrt Zeller seine Kunst vor ideologischer Einflussnahme. Von der „Weltsprache" der Abstraktion im Westen hält er nichts, seine figurative Bildwelt entspricht aber auch nicht dem sozialistischen Ideal. Selbst dort, wo scheinbar die Aufbauleistung der jungen DDR gefeiert wird, mischen sich Skepsis und feine Ironie in die Darstellung. Die Abgeklärtheit des Alters schafft Distanz zum Tagesgeschehen und Freiraum für Phantasien. Ein tiefsinniges Thema wie den ewigen Kreislauf des Lebens kleidet Zeller in die Gestalt einer Groteske mit dem Titel Greisenspiele. Schließlich bringt Zeller den Diktatoren dieser Welt in Form eines Blumenstücks einen Strauß aus abgeschlagenen Köpfen, Totenschädeln und Fratzen dar. Schock und Verwunderung, die im Moment des Erkennens eintreten, bleiben haften.
      Zellers Epochen überspannendes, tiefgründiges Wesen und Werk bestätigt frühe Rezensenten: Wir haben es mit einer mystischen E.T.A. Hoffmann-Figur zu tun, mit einem Interpreten des Abgründigen.