Familiendaten der
 Paul Wolfgang Merkelschen Familienstiftung Nürnberg

Dr. med. Ernst "Albert" von Zeller

Dr. med. Ernst "Albert" von Zeller[1]

männlich 1804 - 1877  (73 Jahre)

Angaben zur Person    |    Medien    |    Notizen    |    Quellen    |    Alles    |    PDF

  • Name Ernst "Albert" von Zeller 
    Titel Dr. med. 
    Geboren 06 Nov 1804  Heilbronn,,,,,,,, Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort 
    Geschlecht männlich 
    Beruf 1830  Stuttgart,,,,,,,, Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort 
    Arzt 
    Gestorben 23 Dez 1877  Winnenden,,,,,,,, Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort 
    Personen-Kennung I13968  Paul Wolfgang Merkel
    Zuletzt bearbeitet am 28 Nov 2018 | Brick 

    Vater Johann Friedrich Zeller,   geb. 10 Mai 1769, Lauffen a.N.,,,,,,,, Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort,   gest. 11 Mrz 1846, Stuttgart,,,,,,,, Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort  (Alter 76 Jahre) 
    Mutter Johanna Regina Andreae,   geb. 05 Nov 1773, Stuttgart,,,,,,,, Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort,   gest. 04 Jun 1844, Stuttgart,,,,,,,, Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort  (Alter 70 Jahre) 
    Verheiratet 19 Aug 1795  Möttlingen,,,,,,,, Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort 
    Familien-Kennung F1492  Familienblatt  |  Familientafel

    Familie Marie Reimer,   geb. 23 Jul 1807, Berlin,,,,,,,, Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort,   gest. 12 Apr 1847, Winnenden,,,,,,,, Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort  (Alter 39 Jahre) 
    Verheiratet 27 Mrz 1829  Berlin,,,,,,,, Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort 
    Kinder 
     1. "Ernst" Friedrich Albert Zeller,   geb. 02 Dez 1830, Stuttgart,,,,,,,, Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort,   gest. 18 Sep 1902, Stuttgart,,,,,,,, Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort  (Alter 71 Jahre)
    Zuletzt bearbeitet am 5 Okt 2004 
    Familien-Kennung F5931  Familienblatt  |  Familientafel

  • Fotos
    Personenbild
    Personenbild
    Albert Zeller - ein führender Psychiater seiner Zeit (Foto: Schwäbische Lebensbilder) in einer Kloumne von Gerhard Raff in der Stuttgarter Zeitung Nr. 251 (Nov. 2004)
    Zeller Albert Zeitung
    Zeller 515 Albert Gedenktafel 614
    Zeller 515 Albert Gedenktafel 614
    Bildersammlung: Ahnenbilder/Zeller(Zellerbuch-Nr) von Gerhard Zeller 6.6.2005
    Zeller 515 Gedenktafel 6146
    Zeller 515 Gedenktafel 6146
    Bildersammlung: Ahnenbilder/Zeller(Zellerbuch-Nr) von Gerhard Zeller 6.6.2005

  • Notizen 
    • St. 263; Z 1 § 415; Reimer S. 19; Georgii 1129 ff.; ADB 45 S. 21; Heyd II 708, IV 485; VI 419/417 vgl. auch VI 303; "Schwäbische Lebensbilder" Bd. IS. 574 ff.; ZB § 515; weitere Literaturangeben bei St. 263; ZB § 505,6; § 515; Zell (ZeK) 10-1.1.1.10.2.7.17.1.6.;
      Albert Zeller hatte lange Zeit ein Monatsgehalt von 100 Gulden, lehnte aber Berufungen zu wesentlich glänzenderen Bedingungen ab. Schließlich stellte ihn die Regierung finanziell doch besser und seine Verdienste wurden durch Verleihung von Titeln und Orden anerkannt: Er wurde Obermedizinalrat, der preußische König verleih ihm den Roten Adlerorden, der russische Zar den Stanislausorden und schließlich erhob ihn König Karl 1876 in den Adelsstand (persönliches Handschreiben voll Anerkennung) aus "Nachrichtenheft Nr. 2 des Martinszeller Familienverbandes".


      Stuttgarter Zeitung Nr. 251; ??.11.2004
      Albert Zeller - ein führender Psychiater seiner Zeit Foto SchwäbischeLebensbilder

      Gerhard RAFF, Pionier der modernen Psychiatrie
      Unser Kolumnist erinnert heute an Albert Zeller. Der Pionier dermodernen Psychiatrie und erste Direktor des Landeskrankenhauses inWinnenden wurde vor 200 Jahren geboren.

      Der Albert Zeller stammt „von Vater- und Mutterseite her aus altenschwäbischen Familien, die Württemberg manchen tüchtigen Mann geschenkthaben". Sei Vatter, der Jurist Johann Friedrich Zeller, isch derällererste kurfürstliche, bald druff königliche württembergische Landratvon Heilbronn gwä, ond sei Muetter, dui Johanna Regina, geboreneAndreae, a Dokters-, mädle. Ond dui hat des Albertle am 6. November1804, am 50. Geburtstag vom „dicke Friedrich", uff d Welt bracht enHeilbronn, wo der grad erst von dr Freie Reichsstadt zur wirtebergischeOberamtsstadt degradiert ghet hat.
      Ond der Albert will scho als Kend amol Dokter werde ond därf nadierlichuff des berühmte Eberhard-Ludwigs-Gymnasium en Stuegert gange, machtdort a Oiser-Abitur, jobbt a Weile en dr Apothek von dr Verwandtschaft,bis r en Dibenge Medizin studiere ka ond intressiert sich, weil drGroßvatter Andreae schwermüetig gwä isch, bsonders für dui Psychiatrie.
      Ond scho mit oisezwanzich hat r sein Dokter en dr Tasch, ond an seim 22.Geburtstag kriegt r sei Approbation als Mediziner. Braucht aber ja nonex schaffe ond macht erst amol a Studienreise nach Sachsen ond gucktsich dui älteste deut­sche Irreastalt, den Sonnenstein en Pirna, en- ondauswändich a.
      Uff dere Reis trifft r en dr Postkutsch sei spätere Schwiegermuetter,ond ein Frühjahr 1829 heiratet er dui Marie Rei­mer, aBuechhändlerstöchterle, ond der berühmte Professer Schleiermacher hatdie zwoi traut, ond „in einer zutiefst glücklichen Ehe" schenkt sie ihmoi Mädle ond siebe Buebe (ihr Ernst, dr Älteste wird dr Nachfolger enWennede), ond wie se ihm 1847 „nach langer, schwerer Krankheitwegstirbt, hat ihn des schwer troffe, ond er hat seine „Lieder desLeids" dichtet, ond a paar drvo send sogar ens effangelische Gsangbuechkomme.
      Scho anno 1830 hat r anonym a Schrift verfasst ghet: „Das verschleierteBild zu Sais oder Die Wunder des Magnetismus. Eine Beleuchtung derKernerschen Seherin von Prevorst" und ihrer Eröffnungen über das innereLeben des Menschen und über das Hereintragen einer Geisterwelt in dieunsere. Von einem Freunde der Wahrheit." Ond wiese den Verfasserrauskrieget, isch der über Nacht berühmt, ond wie se en Chef suechet füra neue Landesirreastalt ein Schloss Winnenthal - des Kloster Zwiefalteisch mittlerweil oifach z kiel gwä -, da wählet se unter ganz vielBewerber den erst siebnezwanzigjährige Zeller zum Direkter. Der aberwoiß, dass r no viel lerne mueß, ond visitiert jeti die ganzeIrreastalte en Deutschland, Frankreich, England ond bis nuff nachSchottland.
      Ond afangs August 1833 fangt r en Wennede a ond macht's „allmählich zurersten und weithin berühmten Anstalt des Landes". Ond die Patientekommet aus dem In- ond Ausland, ond en seine vierevierzig Jahr alsDirekter hat r „etwa 3600 Geisteskranke, darunter zwei Drittel mitwirklichem Erfolg, behandelt". Ond wird so a großer Sege unter so vielLeid.
      Ond der „große Irrenarzt und führende Psychiater seiner Zeit" wird mitOrde vollghängt. Ond wie der Wenneder Ehrebürger am Tag' vor Heiligabend1877 stirbt, trauert wirklich des ganze Land om „diese imponierendePersönlichkeit". Ond sei Buech „Über die Gewißheit der Fortdauer fierSeele nach dem Tode" hat r nemme rausbrenge könne.

      Dr. Albert Zeller
      Vortrag auf dem Familientag in Winnenden am 2.10.2004 von Dr. ErnstZeller - in Nachrichten des Martinszeller Verbandes, Dezember 2005 Nr.34 S. 17-26
      Liebe Gäste, liebe Verwandte,
      als Ururenkel und als Nervenarzt fühle ich mich aufgerufen, über den200. Geburtstag von Dr. Albert Zeller heute auf unserem Familientag inWinnenden, über ihn zu sprechen, vor allem, wie sich die Einflüsseseiner damaligen Umgebung, seiner Familie, seiner Lehrer und derFamilientradition auf sein Wirken hier in Winnenden ausgewirkt haben.Ernst Albert Zeller wurde am 6. November 1804 in Heilbronn geboren. SeinVater, Johann Friedrich Zeller, von dem wir vor 9 Jahren an gleicherStelle hörten, wie er sich vor allem im Dienste des Königs alsOberjustizrat und Amtsrichter in Stuttgart um das ökonomische Fortkommenvon Württemberg kümmerte, indem er etwas außerhalb der Familientraditionsich nicht um das Seelenheil seiner Mitmenschen so sehr kümmerte,sondern auch um das materielle Fortkommen, z.B. der Neckarschifffahrtoder der zu gründenden neuen Bahnlinie von Cannstatt nach Untertürkheim.
      Er war der 6. von 11 Kindern, seine Mutter war Johanna Regina Andreae.Albert Zeller hatte aber auch bereits 2 ärztliche Vorfahren. SeinGroßvater väterlicherseits war Physikus in Lauffen, sein Großvatermütterlicherseits, Johann Jakob Andreae, war Hofmedikus in Stuttgart. Erstarb früh an einer Geisteskrankheit. Der Vater von Albert Zeller, denwir alle von dem bekannten „Seeleschen" Familienbild her kennen, waroffenbar ein hypomanischer, vielgeschäftiger, kluger, in Politik undJuristerei wohlerfahrener Mann im Dienste des Königs. Die Mutterhingegen war eine stille, tief empfindende Frau, deren inneres Wesen wiraus dem einzigartigen Erziehungsbrief kennen, den sie ihrem Sohn Albertin dessen 21. Lebensjahr schrieb und der die Überschrift trägt „wie ichmeine Kinder erzog". Wohl auf Grund der Berührung mit dem geisteskrankenGroßvater und einer ihm eigenen Anlage zu tiefer gehendenGemütsschwankungen, verbunden mit einem gewissen Hang zum Mystizismus,fasste Albert schon in der Jugend den Entschluss, Arzt zu werden, da erglaubte, wie er in seinem Tagebuch schrieb, dadurch seinen Mitmenschenam besten helfen zu können. Er studierte in Tübingen und wohnte dort,auch dies wohl nicht ohne Bedeutung für seine spätere Laufbahn, in derNähe des Hölderlinturms, in dem der Dichter damals schon in völligergeistiger Umnachtung dahinsiechte.
      Während seines Studiums wurden die Vorlesungen für Psychiatrie noch voneinem Philosophen gehalten. Woher dann seine psychiatrischen Thesen undseine Prägung? Mein Onkel Gerhard Zeller ist auf Grund seiner intensivenStudien über Albert Zeller, vor allem auch über die Studien seinerTagebücher, zu der Ansicht gekommen, dass Albert Zellers psychiatrischeThesen, ebenso wie die seines Schülers Griesinger, eineWeiterentwicklung dessen ist, was Johann Heinrich Ferdinand Autenrieth(1772 - 1835), der Gründer des Tübinger Klinikums, und der erste nichttheologische Kanzler der Tübinger Universität im Rahmen seiner allgemeinpathologischen Vorlesungen über Geisteskrankheiten vorgetragen hat.Autenrieth hat nicht nur Vorlesungen über Geisteskrankheiten gehalten,sondern er hat auch eine allerdings kleine Anzahl von psychisch Krankenselbst behandelt. Um diese in seinem kleinen Klinikum halten zu können,musste er besondere Maßnahmen ergreifen. So entstanden dasPalisadenzimmer und die Birne und Maske. Dinge, die nur sein großesInteresse an der Behandlung psychisch Kranker im Rahmen der allgemeinenKlinik beweisen und die in so dummer Weise Gegenstand der Kritik vonnicht mehr aktuellen Kritikern geworden sind. Autenrieth hatwahrscheinlich die Behandlung psychisch Kranker im Allgemeinkrankenhausin Amerika kennen gelernt, wo er in den Jahren 1794 und 1795 auch dasPennsylvaniahospital in Philadelphia und dessen Leiter Benjamin Raschkennen lernen konnte.
      Noch nicht 30-jährig erregte Albert Zeller durch eine psychiatrischeArbeit Aufsehen. Es handelte sich um das kleine Büchlein mit dem Titel„Das verschleierte Bild zu Sais", das nichts anderes sein wollte, alseine sachliche Widerlegung der Spekulationen spiritistischer Art, dieJustinus Kerner in seiner Seherin von Prevorst angestellt hatte. Zellerentlarvte die Seherin als Geisteskranke. Der emotionale Grund für seinePolemik wird darin gesehen, dass seinem tief gegründeten Christentumdieses niedere Zauber- u. Geisterwesen zutiefst zuwider sein musste,vielleicht war es aber auch in Wirklichkeit eine entschiedene rationelleAbkehr von den in ihm selbst liegenden Gefahren, in den Mystizismusabzugleiten, die ihn zur Abfassung dieser Schrift bewog. Neben demTagebuch, das mein Onkel Gerhard Zeller auch im Hinblick auf dieEntstehung der Psychiatrie wissenschaftlich bearbeitet, verfasste er aufjeden Fall nur dieses eine Buch. Für uns heute klingt es fastunglaublich, dass er noch nicht einmal 30 Jahre alt war, als ihm imJahre 1833 die Aufgabe übertragen wurde, im ehemaligenDeutschordenschloss in Winnenthal die erste württembergische Heilanstaltfür Geisteskranke zu gründen. Um die ausgeschriebene Stelle hatten sichdamals 9 jüngere Ärzte beworben, Zeller wurde auserwählt. Die bedeutendeStellung seines Vaters im damaligen Staat mag eine Rolle dabei gespielthaben, mehr wog wahrscheinlich die Tatsache, dass er mit seinerpsychiatrischen Arbeit und der Auseinandersetzung mit Justinus KernerAufmerksamkeit erregt hatte.
      Von der Regierung wurde ihm damals zur Auflage gemacht, vor Antritt derStelle eine einjährige Studienreise durch Europa mit Besuch der damalshervorragendsten psychiatrischen Institutionen zu machen. Er hat überdiese Reise das oben erwähnte Tagebuch geführt, das die Situation derPsychiatrie im Jahre 1833 in Europa lebendig wiedergibt, und dieseEintragungen in Englisch, Französisch und Latein geschrieben. Wiefortschrittlich die damalige Regierung war, internationale Erfahrungeneinzuholen, ist ausführlich in dem Tagebuch dokumentiert.
      Der junge Albert Zeller hatte sich schon eigentlich unerschütterlicheÜberzeugungen erworben, aufgrund seiner christlich-humanistischenGrundeinstellung und auch aufgrund der Prägung durch Autenrieth. DieEinheit von Körper und Seele stand bei ihm ganz an vorderster Stelle unddie Hinwendung zum Patientin. Ich zitiere einige kritische Bemerkungenaus dem Tagebuch:
      Über Ideler, dirigierender Arzt der Psychiatrie, Abteilung der Charite:„Dr. Ideler ist seit einiger Zeit Dirigent dieser Station, ein Mann vollstummglühenden Eifers, der aber auf eine zum Teil sehr beschränkte, jaeinseitige Weise sein oberstes Prinzip, das fast alles Geisteskranke ausLeidenschaft hervorgehen und diese erhalten werden, geltend machenwill".
      Oder über Johann Gottfried Langermann (1768 - 1832): „Er sieht aus wieein Generalstabschef der Geister und ganz geschaffen zur psychischenHeilmethode." Zeller findet ihn groß wegen seiner Toleranz anderenMeinungen gegenüber, „so abweichend oft meine Ansichten sind von denSeinigen".
      Über die Anstalt der Quäker bei York vermerkt er: „Ich muss offengestehen, meine Erwartungen in Bezug auf diese Anstalt waren nichtgering, aber ich fand sie in jeder Beziehung übertroffen. Bis zumheutigen Tage kenne ich keine, die besser geführt wäre für gemischteKlassen und hauptsächlich für Patientin der höheren Klassen".
      Obwohl Pinel während der französischen Revolution im Jahre 1789 alserster in der Pariser Anstalt Bicètre, Schwesteranstalt für männlicheKranke der berühmten Salpétrière, den Geisteskranken die Kettenabgenommen hatte, war ihr Schicksal zu jener Zeit noch immerbeklagenswert. Was in Zellers Tagebuch über die französischen Anstaltenfestgehalten ist, entspricht keineswegs unseren Vorstellungen von derAnstaltskultur in Frankreich zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Er fand dieZustände in der Salpétrière und im Bicètre heillos. Die Salpétrière warin 3 Abteilungen eingeteilt, wurde von Dr. Parisé geleitet, die 2. vonEscerols Neffen, Dr. Mitivier. Sie beherbergte die bereits seit Jahrenumsonst Behandelten. Leiter der 3. Abteilung war Dr. Falré. DieseAbteilung war offenbar für Idioten geschaffen worden und nahm später dieUnheilbaren auf.
      Zeller vermerkt lakonisch: „Dr. Parisé scheint nichts zu tun, Mitivierwenig, Falré kann nichts tun, kurz, dieses weltbekannte Hospitalverdient fast in nichts Lob, aber den bittersten Tadel. Bicètre mitseinen 6100 männlichen Siechen und armen Irren fand Zeller nicht besser,vor allem seien die Kranken so gut wie unbeschäftigt gewesen.
      Nach wie vor gab es Narrenhäuser und Irrentürme mit ihremunvorstellbaren Elend und Geschrei. Zwangsmaßnahmen, Strafen undraffinierte Schreckmittel, die durch Schock den Kranken zur Vernunftbringen sollten, herrschten noch immer. Während sich die Humanisierungder Irrenpflege und die Wissenschaft von den Geisteskrankheiten inFrankreich vorwiegend in konsequenter Fortsetzung der Gedanken derAufklärung und der französischen Revolution vollzog, ist die deutschePsychiatrie ein legitimes Kind der Romantik. Romantisch ist dasInteresse an den Nachtseiten des Lebens, das Vorherrschen desSpekulativen und auch der uns heute fast komisch anmutende familiäreTon, der unter den damaligen Irrenärzten herrschte. Man sprach vonunserem „Zeller", unserem „Jacobi" und redete sich auch inwissenschaftlichen Zeitschriften mit „Geehrter Kunstverwandter" an.Daneben hat aber auch der Pietismus bei der Geburt der deutschenPsychiatrie Pate gestanden und darüber hinaus vielleicht überhaupt beider Geburt der modernen Psychologie, und zwar durch seine Wendung nachinnen, seine Reflexion über die eigene Seele.
      Es war noch die Zeit der pietistischen Seelenromane, die eine subtileSchilderung des inneren Lebensablaufes unter dem Gesichtspunkt von Sündeund Gnade gaben. Entsprechend diesem pietistischen Einfluss derführenden Psychiater zu Beginn des 19. Jahrhunderts war die Haltung denGeisteskranken gegenüber vielfach eine stark moralisierende. DerLeipziger Heinroth und sein Berliner Kollege Ideler sahen in jedemGeisteskranken ein moralisch verkommenes Subjekt, ein Opfer derLeidenschaften, die Geisteskrankheit war das Zeichen eines Abfalls vonGott. Heinroth vertrat daher auch den Standpunkt, der geisteskrankeVerbrecher müsse trotz seiner Unfreiheit voll bestraft werden, da ersich schuldig gemacht habe durch seinen willkürlichen Abfall von Gott.Die Therapie bestand in einer moralischen Erziehung, wobei auch die Rutenicht verschmäht wurde, die übrigens bis weit über die Mitte des 19.Jahrhunderts hinaus ein Attribut vieler psychiatrischer Anstalten war,wobei die Humaneren dafür eintraten, dass ihr Gebrauch nur auf ärztlicheAnweisung erfolgen durfte und im Krankenjournal vermerkt werden müsse.Es war also da zu lesen: Patient X. wurde heute mit der Rute gestrichen.
      In dem Augenblick, in dem Zeller in die Psychiatrie eintrat, klang dieromantische Bewegung bereits ab. Es begann die Wende zum Positivismusund damit zu dem Realen als dem einzigen, was für den Menschen Bedeutunghat.
      In dieser geistigen Situation wurde im Bereich der Psychiatrie einStreit der Meinungen ausgetragen, die damals einen Höhepunkt erreichte,aber selbst bis heute noch nicht gänzlich abgeschlossen ist. Man denkehier nur an die sozialpsychiatrischen Bewegungen der 60-er und 70-erJahre des letzten Jahrhunderts, die die Gesellschaft oder die Familie,z.B. die Mutter, für den Ausbruch von psychischen Krankheitenverantwortlich machten. Durch diese Schuldzuschreibungen und auch durchdas Schließen von psychiatrischen Einrichtungen, was psychischeKrankheit nicht heilte oder beseitigte, wurde viel Elend und Verelendungin Italien und auch USA geschaffen.
      Der Streit zwischen den so genannten Psychikern und den Somatikern kannals Modell dafür dienen, wie bei fehlender wissenschaftlicher Begründungaus Arbeitshypothesen Ideologien werden zum Nachteil der Betroffenen.Die Psychiker unter Führung der schon genannten Männer Heinroth undIdeler ließen nur eine psychogene Entstehung der Geisteskrankheitengelten, die Somatiker unter Führung von Zellers späteren FreundMaximilian Jacobi, dem Gründer der Anstalten Siegburg bei Bonn, nur einekörperliche. Für Jacobi waren die Geisteskrankheiten nur Epiphänomene,das heißt nur Folgen von x-beliebigen körperlichen Krankheiten, unterdenen die vertriebene Krätze noch immer eine sehr beachtete Rollespielte.
      Infolge der stark moralisierenden Tendenzen der Psychiker war erst demSieg der Somatiker eine endgültige Humanisierung der Irrenpflege zuverdanken. Erst durch ihren Sieg wurde die heute fast banale, jedochbereits auch nicht mehr unwidersprochene Auffassung zum Allgemeingut,dass der Geisteskranke wie andere seien und sie auf Fürsorge, Pflege undMitleid Anspruch hätten. Die Ausgrenzung von psychischer Krankheitgeschieht heute sehr viel diffiziler. Die Methoden eines diffizilenMobbings am Arbeitsplatz nehmen unter dem Vorwand derLeistungssteigerung und Ökonomisierung massiv zu, mit den entsprechendenFolgen auf die psychische Gesundheit, nämlich einer starken Zunahme derDepressionen und Suizide.
      Albert Zeller wurde bei seinem Eintritt in die Psychiatrie mitten injenen Kampf hineingestellt. Jacobi wurde sein erster Lehrer und spätersein Freund, Heinroths Ideen lernte er auf seiner Reise von diesemselbst kennen und er konnte sich auch ihrem Einfluss nicht ganzentziehen. Obwohl Zeller später ins Lager der Somatiker gerechnet wurde,so hat er doch auf die Frage eine eigene, von seinen christlichenGrundlagen ausgehende ganzheitliche - und damit heute durchaus moderne -Lösung gefunden. Die große Leistung Albert Zellers war in dieserSituation wohl seine Nosologie. Er beendet die babylonischeSprachverwirrung und vereinheitlicht zunächst einmal desZustandsbilderkatalog auf 4 Hauptformen: Schwermut (Depression),Tollheit (Manie), Verrücktheit (Psychose) und Blödsinn (Demenz).
      Er betrachtet sie jedoch nicht mehr als statisch nebeneinander stehendeBilder, sondern sieht sie als Phasen eines fortschreitendenKrankheitsprozesses an. Schwermut sei die eigentliche Grundform, daserste Stadium aller sich nur halbwegs merkbar entwickelnden und nichtganz in ihrer Ausbildung überstürzten Seelenstörungen. Der Stand derdamaligen Pathologie und Pathophysiologie auf der Basis derhippokratischen Säftelehre wird dann auch von ihm in seiner Nosologieumgesetzt und die Krankheiten der primären Melancholie oder Manie inFormen der sekundären Paranoia oder Dementia, in dem verdorbene Säfteineinander übergehen. Mit der romantischen Anthropologie, die dasMenschwesen polar gebaut sieht, in Cerebral- und Gangliensystem, wirderst Zellers Schüler Griesinger brechen mit seiner These:„Geisteskrankheiten sind Gehirnkrankheiten". Erst in den letzten Jahrengelang es der Hirnforschung in Bezug auf die Differenzierung derHirnkrankheiten entscheidende Fortschritte zu machen. Mit derfunktionellen Kernspintomographie können erstmals Hirnfunktionen nachKrankheitsbild und Lokalisation differenziert werden. Durch Genforschungund Melokularbiologie ist eine Verknüpfung mit der Entwicklung desmenschlichen Gehirns möglich geworden.
      Mit 29 Jahren hatte er am 3. August 1833 die Leitung der neu errichtetenIrrenheilanstalt im ehemaligen deutschen Ordensschloss Winnenthalübernommen und 44 Jahre lang, die letzten 15 Jahre mit Unterstützungseines ältesten Sohnes Ernst, seine Pflicht getreu bis zum Tode geführt.
      In der großen Direktorenwohnung in der Belletage des Schlosses spieltesich sein Leben ab. Dort wurden ihm 9 Kinder geboren, dort starb 1847 imAlter von 40 Jahren seine geliebte Frau, die Tochter des BerlinerVerlagbuchhändlers Georg Andreas Reimer. Diese lernte er auf seinerdamals üblichen medizinischen Bildungsreise in Berlin kennen. Hier fander Aufnahme in die Familie des Buchhändlers Georg Andreas Reimer, derdas Haus Wilhelmstr. 73, das spätere Reichspräsidentenpalais, bewohnte.1828 wurde sie von Schleiermacher getraut, der in dem Reimerschen Hauswohnte, Marie Reimer auch konfirmiert hatte und engen Kontakt in demBerliner Jahr mit Albert Zeller hatte.
      Man versteht es eigentlich nicht recht, woher diese Gründergenerationihren großen Optimismus, ihren begeisterten Schwung und ihre Hoffnunghernahm. Irgendein Heilmittel gegen Psychosen, auch nur im entferntestenvergleichbar unseren Psychopharmaka war weit und breit nicht zu sehen.Die Pathologie stand noch ganz im Banne der hippokratischen Säftelehre.Das einzige Werkzeug, über das der Arzt der damaligen Zeit verfügte, warer selbst. Wenn er wirksam werden konnte, konnte er dies nur alsPsychotherapeut sein und zwar mit einer unentwickelten Methode, demMoralmanagement und einer ursprünglichen Einfühlungskraft. Die Hoffnungkam somit nicht aus der medizinischen Wissenschaft, sondern wohl aus demZeitgeist.
      Die Errichtung von Heilanstalten, die die Asyle und Zuchthausabteilungenablösten, die das Generalhospital aufbrachen, war unmittelbare Folge desfreiheitlich-emanzipatorischen Schwungs, den die französische Revolutionausgelöst hatte, und damit, um im Bild zu bleiben, Folge der Tat desPinel.
      Albert Zeller muss allerdings ein ungemein beeindruckender und wirksamerTherapeut gewesen sein. Wirksam vor allem, weil sei Ziel dieIndividualisierung, nicht die Schematisierung war und er, wie dieÜberlieferung sagt, „allen alles sein wollte". Dass sein festes, vonSchleiermacher, geprägtes Christentum, das als Grundwert seine ganzePersönlichkeit trug, nirgends orthodoxe Enge und Bigotterie aufkommenließ, hat vielleicht hauptsächlich zu der großen Achtung, ja Verehrungbeigetragen, die ihm von oben, Verdienstadel und Hofrat, sowie vonunten, in Form zahlreicher Briefe und Dankesäußerungen entgegenschlugen.Ganz im Zentrum seines Tuns stand seine Persönlichkeit und derindividuelle Umgang mit seinen Patienten. Gegenüber seinen Kranken warer von größter Geduld, frei von jedem moralisierenden Wesen, ausÜberzeugung tolerant, waren es doch Kranke, mit denen er zu tun hatte.Auf der Basis dieser individuellen psychotherapeutischen Zuwendung hater mit Leichtigkeit Therapien entworfen, mit denen wir auch heute nocharbeiten. Die Beschäftigung des Patienten, nicht die Verwahrung, standim Mittelpunkt.
      Er förderte die Beschäftigungstherapie, die Arbeitstherapie, dieBehandlung in Gruppen, die Forderung der sozialen Einbindung und dieAußenorientiertheit der psychiatrischen Klinik. Verblüffend ist aberauch, dass der Verfasser der Lieder des Leids die Freude als starkesHeilmittel in Rechnung setzte. Sein Sohn Ernst hat darüber folgendesfestgehalten: „Daneben verstand es Zeller, die Freude als einen starkenBundesgenossen in der Heilung des Trübsinns sinnreich zu benutzen.Überall in seinem Verkehr mit den Kranken suchte er ihnen eine kleineFreude zu bereiten, auch Blumen und Zigarren dienten ihm dazu. Für jedeJahreszeit hatte er ein Fest ersonnen. Früh um 6.00 an schönen Tagen,wusste er schon eine Gesellschaft zu heiterem Spiel zusammenzubringen".Der eigentliche Grund seiner Wirksamkeit war allerdings seinaußerordentlich feines Einfühlungsvermögen, das durch eine Erziehung,die von Empfindsamkeit und gebildetem Pietismus geprägt war, geweckt unddurch Selbstbeobachtung, Reflexion und verfeinerte religiöseInnerlichkeit entwickelt worden war. So konnte er allen alles sein. WennZeller auch in der Heilanstalt selbst ein Ensemble von heilsamenWirkungen sah, so war doch wohl das Gespräch, das er mit dem einzelnenführte, indem er seine poetisch verfeinerte, differenzierte, genaueSprache einsetzen konnte, sein eigentliches Wirkungsfeld. Unterstütztwurde Zeller von Anfang an von einem katholischen und protestantischenPfarrer und von ursprünglich vier Wärtern und vier Wärterinnen.
      Vor allem der zweite Pfarrer der Gemeinde Winnenden, Ludwig FriedrichWilhelm Hoffmann, geboren 30.10.1806 in Leonberg, gestorben am25.08.1873 in Berlin, war ihm bis 1839 eine große und von ihm sehrgeschätzte Hilfe. Dieser Pfarrer war Seelsorger und Lehrer und machte ab1835 eine große Karriere als Professor der Theologie in Basel undTübingen und zuletzt als Oberhofprediger in Berlin
      Auf dieser Basis seiner persönlichen Fähigkeiten und Einstellungenentstand dann auch die neue Nosologie, die die Gegensätze von Psychikernund Somatikern vereinigte und zu multifaktoriellen Betrachtungsweisegeistiger Krankheiten führte.
      Diese humanistischen Impulse und Ansätze konnten jedoch nichtverhindern, dass die Entwicklung der Medizin auch aufgrund derwissenschaftlichen Erkenntnisse zunehmend somatisierte, jamaterialisierte. Die Psyche, oder damals auch die Seele, trat wieder inden Hintergrund, die Leistungsfähigkeit für die Gesellschaft oder dasVolk trat zunehmend in den Vordergrund. Trotz des massiven Widerstandesvon Albert Zeller wurde 1875 die Heilanstalt Winnenthal in eine Heil-und Pflegeanstalt umgewandelt. Sein Ziel, getrennte aber gleichwertigeEinrichtungen für kurzfristigen und langfristigen Aufenthalt zuschaffen, wie dies sein Schüler Griesinger dann in seinem Reformprogrammausgearbeitet hat, wurde ignoriert.
      Die Entwicklung ging über Zeller hinweg. Die negativen Folgen derVerbindung von Heil- u. Pflegeanstalt und die Mischung der Kranken nachZustandsbildern musste negative Folgen habe. Der erstePsychiatrieskandal brach 1895, fünf Jahre vor der Pensionierung vonAlbert Zellers Sohn und Nachfolger Ernst Zeller, aus. Es kam zu einerersten Psychiatrieenquete. Tragisch und zugleich erstaunlich ist, wierasch das Erreichte verfiel. Bereits 10 Jahre nach Zellers Tod war diePsychiatrie beherrscht von therapeutischem Nihilismus. Der Gedanke unddie Einsicht von der Erblichkeit lähmte jeden therapeutischen Eifer. Manbegnügte sich, bessere Diagnosen zu stellen und danach die Kranken ingrößere, moderneren Vorstellungen besser entsprechende Anstalteneinzuweisen. Dies alles vollzog sich trotz des Mahnrufes von ZellersSchüler Griesinger, der als Begründer der wissenschaftlichen Psychiatriein Deutschland gilt. Er rief seinen Studenten in Berlin an der Charitezu:
      „Glauben Sie nicht, dass die menschliche Teilnahme erlöschen müsse, wodie wissenschaftliche Forschung beginnt. Die großen Gedanken kommen ausdem Herzen. Hilfreicher werden Kopf und Hand zu diesem Werke arbeiten,wenn Sie sich ein warmes Gefühl für das Unglück bewahrt haben."
      Die menschliche Teilnahme erlosch in heute kaum mehr vorstellbarerWeise: Eugenik war das Schlagwort, Euthanasie das Ende.
      Glücklicherweise ist nach dem 2. Weltkrieg erst sehr zögerlich, aberdann doch auch durch öffentlichen Druck und durch die Politik diePsychiatrieenquete in Gang gekommen. Die Landeskrankenhäuser wurdendrastisch verkleinert, die Patienten wurden gemeindenah versorgt, diegroßen Fortschritte der medikamentösen Behandlung führten, vor allem inden letzten Jahren, hier zu großen Fortschritten und zu einer besserenIntegration der psychisch Kranken in die Gesellschaft und auch in dasArbeitsleben. Aber die großen Fortschritte der Medizin und derPsychiatrie in den letzten Jahren bergen auch große Gefahren. DieÖkonomisierung unserer Gesellschaft drängt die Individualität undletztendlich die psychische Einzigartigkeit jedes einzelnen in denHintergrund. Medikamentöse und auch psychotherapeutische Behandlungwerden nach Effektivität und schnellem Ansprechen beurteilt, diechronisch Kranken, die Arbeitsunfähigen und Berenteten treten in denHintergrund. Dies ist z.B. an der Zunahme von Depression, chronischerDepression und Altersdepression zu erkennen, die Suizidraten der über65-Jährigen haben deutlich zugenommen und damit auch die Gesamtraten von11.000 auf 13.000 Suizide im Jahr.
      In diesem Sinne bin ich meinem Ururgroßvater für sein mutiges undlebenslanges Eintreten für psychisch Kranke sehr dankbar und werde auchsicherlich in seinem Sinne weiterhin für die Akzeptanz von psychischenKrankheiten in der Gesellschaft und auch für die adäquate Behandlung vonDepressiven und Psychotikern, nicht nur mit Medikamenten, sondern auchmit individueller Psychotherapie kämpfen.
      Der Ökonomisierung des Gesundheitswesens muss eine Humanisierung dieGrenzen setzen. Ärzte - dazu gehören auch Psychiater - und Patientensind nicht die Produkte eines Businessplaners, sondern Menschen.

  • Quellen 
    1. [S1] Keller, Keller, G.; Generalmajor, (Druck der Stuttgarter Buchdruckerei-Gesellschaft m.b.H.).